In Allschwil regt sich neuer Widerstand gegen den Fluglärm am Euro-Airport (EAP). «Der Flughafenbetreiber Basel-Stadt schont sein Kantonsgebiet auf Kosten des Kantons Baselland.» Dies moniert das «Forum Flughafen – nur mit der Region» in einem offenen Brief an die Baselbieter Regierung und nimmt darin Bezug auf eine Abstimmung in Basel von 1976. In jenem Jahr hat nämlich das Problem des «exportierten Fluglärms des Betreibers Basel» nach Allschwil laut dem Forum seinen Ursprung.

Robert Vogt, Vorstandsmitglied des Forums Flughafen und Allschwiler Gemeinderat, begründet den offenen Brief: «Es ist die Pflicht der Baselbieter Regierung, die Bevölkerung im Kanton zu schützen und ihre Interessen wahrzunehmen.» Dies sei 1976 verpasst worden, weshalb man diese Forderung jetzt nachhole. Die «Sankt-Florians-Taktik» des Stadtkantons dürfe vom Baselbiet nicht länger geduldet werden.

Nur acht Starts pro Tag über Basel

1976 segnete die Basler Bevölkerung die Finanzierung der Hauptpistenverlängerung ab. Bedingung war die Verpflichtung der Kantonsregierung, sich für die Reduktion des Fluglärms in der Stadt einzusetzen (siehe unten). Das Forum Flughafen kritisiert in dem offenen Brief die städtischen Lärmschutzmassnahmen. Diese sehen so aus: Südstarts sollen nach Westen abdrehen, sprich: über Allschwil und Schönenbuch. Direktstarts über die Stadt werden auf acht pro Tag begrenzt.

Von der Südpiste des Euro-Airports aus starten Flugzeuge auf vier Routen in drei Richtungen. Während 90 Prozent der Landungen über das Elsass im Norden erfolgen, startet der Grossteil der Flüge über Allschwil (grün, gelb und orange). Obwohl die Route ganz am Nordrand der Gemeinde entlanggeht, fühlen sich Teile der Bevölkerung dadurch stark gestört. Für die südlichen Direktstarts (rot), die eher über Basel führen, gilt eine Beschränkung von maximal acht bis zehn Starts pro Tag. Das schont auch die Gemeinden Binningen, Bottmingen und Reinach. Für Allschwil gibt es jedoch keine solche Beschränkung.

«Mir ist nicht klar, warum der Stadt Basel eine Beschränkung der Direktstarts zusteht und Baselland nicht. Theoretisch könnten ja täglich 1000 Starts über Allschwil gehen», äussert Vogt seinen Unmut. «Die Zunahme des Fluglärms an der Südroute des EAP, namentlich in Basel West, Allschwil und Schönenbuch, geht verhältnismässig weit über das Wachstum des Flughafens hinaus.» Das Forum Flughafen fordere daher eine gleichmässige Verteilung der Flugbewegungen um den EAP in jede Richtung. Dem stimmt Michael Büchler zu, Gemeinderat von Schönenbuch und ebenfalls Vorstandsmitglied des Forums Flughafen: «Der Flughafen gehört Basel-Stadt. Die Stadt profitiert von den Einnahmen und den Steuern. Also ist es nur natürlich, dass sie auch den Lärm auf sich nimmt. Ich bin für ein striktes Verursacherprinzip.»Büchler fährt fort: «Die Bewohner von Allschwil und Schönenbuch leiden. Eine neue Gesundheitsstudie beweist, dass der Fluglärm tödliche Krankheiten auslöst. Basel-Stadt mutet der Bevölkerung von Allschwil und Schönenbuch diese Gesundheitsbelastung gedankenlos zu.» Das Problem sei, dass es keine politische Handhabe wie konkrete Gesetze gebe, auf die man sich berufen könne. «Es ist nötig, dass der Kanton gesamthaft auf Basel-Stadt Druck ausübt, wenn sich etwas ändern soll.» Eine entsprechende Motion wurde im Allschwiler Einwohnerrat eingereicht. Nebst der gleichmässigen Verteilung der Flugbewegungen wird auch die Ausdehnung der Nachtflugsperre gefordert. Die Motion wird heute Abend behandelt.

Menschen schonen, nicht Kantone

Der Euro-Airport muss nicht nur die Interessen von Gemeinden und Kantonen berücksichtigen, sondern auch die seiner Kunden, der ganzen trinationalen Region, des Bundes und der französischen Behörden. Flughafen-Sprecherin Vivienne Gaskell erklärt: «Am Flughafen Basel-Mulhouse ist die französische Luftfahrtbehörde in Abstimmung mit dem Bazl für die Festlegung der An- und Abflugverfahren zuständig.» Diese seien am EAP von den Behörden so konzipiert, dass möglichst wenig Menschen mit Lärm belastet werden, unabhängig des Kantons. «Welche Route geflogen wird, hängt auch von der Destination ab.»

Bei Direktstarts nach Süden würde das dicht besiedelte Gebiet geschont. Nur bestimmte Flugzeugtypen, die den Steigwinkel einhalten können, dürfen diese Route benutzen und das nur von 7 bis 22 Uhr. «Das kommt nicht nur Basel-Stadt zugute, sondern auch Quartieren in Baselland, etwa von Allschwil, Binningen, Bottmingen und Reinach. Wenn man die Abflugkurven anschaut, sieht man, dass möglichst nah an der Nordgrenze von Allschwil abgebogen wird.»

Auch in Basel-Stadt reagiert man auf die Vorwürfe einer «Sankt-Florians-Politik» mit Stirnrunzeln. Claus Wepler, Generalsekretär des Basler Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt (WSU) sagt: «Der Kanton Baselland ist partnerschaftlich am Euro-Airport beteiligt und profitiert genauso davon. Der EAP ist nicht nur für den einen oder anderen Kanton wichtig, sondern für die Region als Ganzes.» Daher müsse man Kompromisse eingehen und könne Basel keinen Strick aus einem Vergangenheitsentscheid drehen.

«Die Basler haben 1976 eindeutig nicht die Routenführung der Starts bestimmt. Es wurde Geld für eine Pistenverlängerung gesprochen.» Die Flugverfahren seien Sache der Zivilluftfahrtbehörden. Aufgrund der Siedlungsdichte sei es sinnvoll, weniger Flüge direkt über Stadt und Agglomeration starten zu lassen. «Allschwil ist heute dichter besiedelt als 1976, daher kann man fordern, die Situation neu zu diskutieren.» Aber es sei nötig, «den gesunden Menschenverstand» walten zu lassen. «Wichtig ist, dass man auf partnerschaftlicher Ebene Lösungen entwickeln kann», betont Wepler.

Das entschieden die Basler 1976

Im November 1976 stimmte Basel-Stadt zum zweiten Mal über die Verlängerung der Hauptpiste am Flughafen Basel-Mulhouse ab. Die erste Vorlage war 1971 aufgrund von Bedenken über den Fluglärm in der Stadt abgelehnt worden. Nachdem die Basler Regierung im Grossratsbeschluss vom April 1976 dazu verpflichtet wurde, für die Verminderung des Fluglärms zu sorgen und mit der Paritätischen Kommission zur Bekämpfung des Fluglärms (heutige Fluglärmkommission) entsprechende Massnahmen zu treffen, stimmte die Basler Bevölkerung der Vorlage schliesslich zu. Unter anderem wurde daraufhin vereinbart, dass «bei Starts in Richtung Süden (Stadt) vor dem Erreichen der Landesgrenze in einer Rechtskurve von 270° bis auf 1050 Meter über Meer gestiegen wird (Umleitung startender Flugzeuge um das Weichbild der Stadt)», wie im Bundesblatt vom Februar 1977 nachzulesen ist (siehe Grafik, orangefarbener Pfeil). Zwar sollte die Pistenverlängerung bewirken, dass die Flugzeuge von weiter hinten starten und so das Siedlungsgebiet in grösserer Höhe überfliegen, was besonders Allschwil entlasten sollte. Bis heute starten aber nicht alle Flugzeuge am Pistenanfang. Lediglich nachts, von 22 bis 7 Uhr, müssen alle Flugzeuge hier starten. Dies wurde erst im Juni 2015 beschlossen. 1998 wurde in einer Vereinbarung zwischen dem Flughafen, den beiden Basel und dem Bazl festgelegt, dass maximal acht Strahlflugzeuge (Düsenjets) pro Tag im Direktstart über die Südroute in Richtung Stadt starten dürfen, ohne nach Westen abzudrehen. Gemäss Angaben des Euro-Airports starteten 2016 durchschnittlich sogar nur vier Flugzeuge pro Tag direkt über diese Route, sechs über die abgedrehte Südroute. (yme)